Schach mit einem Weltmeister

Submitted by Wolfgang Weber on Do, 10/20/2016 - 15:48
Jo Toni

Die Reha-Klinik Illingen hatte einige Wochen lang einen prominenten Patienten:  Joachim „Jo“ Deckarm, mittlerweile 62 Jahre alt. Jo war zu seiner Glanzzeit der weltbeste Handballspieler. Seine Karriere ist außergewöhnlich: Er wurde mit dem VFL Gummersbach dreimal Deutscher Meister und zweimal Europacupsieger. 104mal spielte er in der deutschen Nationalmannschaft, mit der er, 24 Jahre alt, die Handball-Weltmeisterschaft 1978 gewann. Ein Jahr später erlitt er In einem Europacup-Spiel nach einem Zusammenstoß bei einem harten Sturz ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, in dessen Folge er monatelang im Koma lag. Seither ist er an den Rollstuhl gefesselt  und bis heute auf Hilfe angewiesen.
Joachim Deckarm ist kein Mensch, der Mitleid will. Das spürt man schon bei der Begrüßung. Sein Händedruck gleicht einem Schraubstock. Er ist Ausdruck der Kraft, sich mit eisernem Willen gegen das Schicksal zu stemmen. Joachims Motto lautet „Ich kann, ich will, ich muss“. Das sieht dann so aus: täglich Gymnastik und Kraftübungen, viel Schwimmen, dazu einmal pro Woche sogar Klettern. Hinter diesen Aktivitäten steht ein großes Ziel: „Ich möchte wieder ohne Hilfe gehen können. Den Rollstuhl zur Seite stellen, allein laufen und Treppen steigen,  das ist mein Traum.“
In der Reha-Klinik Illingen hatte Joachim Deckarm täglich viele therapeutische Anwendungen. Abends frönte er gerne seinem Hobby, dem Königlichen Spiel. Martin Bick, der Jo in der Klinik betreute, suchte für ihn einen kompetenten Spielpartner. Erste Wahl war  Martins Vater Toni (auf dem Foto ganz links, neben ihm Wolfgang Weber), einst Vereinsspieler in Dirmingen. Angesprochen wurde auch der  Schachclub Turm Illingen. Für dessen  Ehrenvorsitzenden  Wolfgang Weber  war es eine Ehre,  bei mehreren Besuchen mit dem prominenten Sportler einige Partien spielen zu dürfen.
Natürlich schweifte der Blick übers Schachbrett hinaus auch in die sportliche Vergangenheit. Die offenbarte bei Deckarm und Weber einige Gemeinsamkeiten: Beide hatten Handballtrainer namens Spengler. Der von Weber hatte den Vornamen Friedrich und war saarländischer Landestrainer, der von Deckarm hieß Rudolf und war die rechte Hand von Nationaltrainer Vlado Stenzel. Gemeinsam war Deckarm und Weber auch die Liebe zur Leichtathletik. Weber scheffelte zwar Titel auf Landesebene, auf Bundesebene konnte er allerdings nicht mithalten: Jo war Deutscher  Meister im Fünfkampf.
Beim Schach aber hatte Weber dank langjähriger Turnierpraxis die Nase vorn, was Jo jedoch nicht so einfach hinnahm. Er ist ein Kämpfer geblieben, hat sich seinen gesunden Ehrgeiz bewahrt.
Foto: Ganz links Toni Bick, daneben Wolfgang Weber und Joachim Deckarm
Die Veröffentlichung dieses Beitrags geschieht unter Absprache mit Herbert Deckarm, älterer Bruder und gesetzlicher Betreuer von Joachim.