Punktgewinn beim Tabellenführer! SV 03/25 Koblenz - SC Turm Illingen 4-4

Hier zwei Fotos unserer Helden - eines vor, das andere nach dem Fight, weitere unter "Bilder". Unten der Bericht von Helge.

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Was ist denn da beim SC Turm Illingen nur los? Nein, nein, keine Krise o.ä., ganz im Gegenteil! Sieht man einmal von der Saisonauftaktniederlage in Heimbach-Weis ab, waren die letzten Resultate der ersten Mannschaft überragend: Die Vorsaison wurde mit überraschenden Siegen gegen Saarbrücken und Mainz abgeschlossen, in dieser Saison schon wieder der saarländische Erzrivale Saarbrücken besiegt, tja, und letzten Sonntag folgte dann in Koblenz sogar ein nie für möglich gehaltener Punktgewinn beim zuvor verlustpunktfreien Tabellenführer und Favoriten auf die Meisterschaft in der Oberliga Süd-West.  Es scheint, als würde sich das gemeinsame wöchentliche, von Teamkapitän Johannes Schmidt organisierte Online-Training voll auszahlen.

Im Spiellokal der Koblenzer wurde nicht nur mit einem Schild „Je suis français“ der Opfer der  Terrorakte von Paris zwei Tage zuvor gedacht, die Koblenzer Mannschaft stand auch noch wegen eines Trauerfalls aus den eigenen Reihen unter Schock:  Der auch den Illingern wohlbekannte und geschätzte Schachfreund Volker Schlick war kürzlich völlig überraschend im Alter von nur 59 Jahren verstorben.

Da auf Koblenzer Seite außerdem auf den (teuren) Einsatz der gemeldeten drei ausländischen Großmeister verzichtet wurde und Spitzenspieler Jens Kipper aufgrund eines USA-Aufenthaltes nicht zur Verfügung stand, war Koblenz schwächer aufgestellt, als man vorher gedacht hatte. Da aber die eingesetzten Ersatzspieler alle noch eine Elo-Zahl von über 2200 aufweisen, war Koblenz dennoch haushoher Favorit. Hinzu kam für die Illinger Spieler noch das Problem, dass sich wegen der Koblenzer Aufstellungsänderungen jeder einem anderen Gegner gegenübersitzen sah, als  zuvor erwartet, sodass sämtliche Eröffnungsvorbereitungen ins Leere liefen.

Der Kampf ging los und es dauerte gar nicht allzu lange bis zum ersten Paukenschlag. Helge Rückert an Brett 7 fragte sich vermutlich: „Ja, ist denn heut‘ schon Weihnachten?“ Sein eigentlich bärenstarker Gegner Wolfgang Polster hatte sich zu einem optisch gut aussehenden Zug verleiten lassen, der allerdings aufgrund eines ungewöhnlichen Motivs die Dame kostete. Zu erklären ist das wohl nur mit der mangelnden Spielpraxis des Koblenzer Edelreservisten, der früher immer erfolgreich an vorderen Oberliga-Brettern agierte, seit einigen Jahren aber nur noch sporadisch Schach spielt. 1-0 für Illingen!

Es folgten zwei Remisen. Zunächst bei Thomas Biehler, dessen Gegner FM Thomas Bohn sich in der anschließenden Analyse verwundert zeigte, dass der Illinger Thomas keine 15-20 Züge Eröffnungstheorie kannte, wohlgemerkt in einer wenig gespielten Variante der sowieso schon selten anzutreffenden Bird-Eröffnung. Doch Thomas fand sich auch ohne ausführliche Eröffnungskenntnisse zurecht, konnte mit Schwarz ausgleichen und ein Remis sichern. Seit seiner sensationellen Rückkehr zum Wettkampfschach vor ca. 2,5 Jahren hat der Illinger Club-Präsident damit weiterhin keine einzige Turnierpartie verloren!

Das zweite Remis erzielte Boris Traub an Brett 5 gegen FM Neil Stewart. Boris war in der Vorsaison der Topscorer der Illinger Mannschaft, doch sein persönlicher Start in die neue Saison war mit zwei Niederlagen missglückt. Man kann davon ausgehen, dass das erste Zählbare ihm wieder mehr Sicherheit geben wird, und man in den nächsten Kämpfen wieder den „alten“, fleißig punktenden Boris erleben kann.

Nach diesem Zwischenstand von 2-1 für Illingen passierte längere Zeit nichts.  D.h., auf den Brettern passierte eine ganze Menge, aber es dauerte, bis die nächsten Partien zu Ende gingen, mit denen Koblenz wieder die Führung übernahm. Johannes Schmidt hatte leider in der Tarrasch-Variante der Französischen Verteidigung das typische Qualitätsopfer auf f3 unter für seinen Gegner Marc Repplinger sehr günstigen Bedingungen zugelassen, und musste sich letztlich geschlagen geben. Auch an Brett 8 musste ein Illinger seinem Gegner gratulieren: Peter Schuh spielte nach unzähligen Jahren mit wenig schachlichen Aktivitäten zum ersten Mal wieder in der ersten Illinger Mannschaft und bot eine sehr ansprechende Leistung. Für Illinger Insider kam es nicht überraschend, dass im Laufe der Partie von Peter zwei Leichtfiguren auf d8 und e8 platziert wurden (ausnahmsweise diesmal keine Läufer, sondern Springer), und um den ästhetischen Eindruck zu perfektionieren, waren auch noch zwei schwarze Türme auf d7 und e7 zu bewundern. Doch letztlich war sein Gegner Heiko Götz für Peter noch eine Nummer zu stark. 3-2 für Koblenz.

Die Partie des Tages wurde an Brett 1 von Frank Mayer gespielt. Mit einer Glanzleistung zerlegte er den Internationalen Meister Michael Hammes: Zunächst bereitete Frank akribisch einen Angriff am Königsflügel vor, opferte zum richtigen Zeitpunkt eine Figur  und ging dann zum erfolgreichen Mattsetzen über.

Somit stand es 3-3, und auf Illinger Seite wurde sogar, wenn alles optimal laufen sollte, von einem 4,5-3,5-Erfolg geträumt. Denn in den beiden noch laufenden Partien sah es vielversprechend aus. An Brett 2 hätte Tilman Giese gegen den Koblenzer Routinier Lutz Fritsche schon in der Eröffnung arge Probleme bekommen können, doch im anschließenden Mittelspiel demonstrierte Tilman seine besondere Stärke in haarsträubenden taktischen Verwicklungen und landete tatsächlich in einem klar gewonnen Endspiel, während Joachim Klein an Brett 6 zwar unter Druck stand, aber durchaus noch ein Remis in Sichtweite hatte.

Da Tilman sein Endspiel noch zum Remis verdarb, während Joachim sich erfolgreich gegen die Gewinnversuche seines jungen Gegners Ludwig Stahnecker stemmte, der in einer stark geführten Partie Joachim nie zur Entfaltung kommen ließ und diesen an den Rand einer Niederlage brachte, reichte es letztlich „nur“ zu einem 4-4, mit dem aber alle Illinger mehr als happy und zufrieden waren (in der Vorsaison war man in Koblenz noch mit 1,5-6,5 chancenlos unter die Räder gekommen!).

Nach drei Kämpfen rangiert der SC Turm Illingen mit ausgeglichenem Punktekonto weiterhin im Mittelfeld der Schach-Oberliga-Tabelle. Bei der hervorragenden Form der Illinger Truppe sollte man eigentlich davon ausgehen können, dass man dieses Jahr nichts mit dem Abstieg zu tun haben wird. Doch die Leistungsdichte ist in dieser Saison in der Oberliga sehr hoch, und mit nur ein oder zwei Niederlagen in den nächsten Kämpfen würde man sich schnell wieder mitten im Kampf gegen den Abstieg befinden. Deshalb wäre am 13.12.2015 zuhause gegen den Tabellennachbarn aus Worms eine weitere überzeugende Leistung incl. Mitnahme von ein oder zwei Mannschaftspunkten äußerst wünschenswert.