Runde 2, Turm I gegen SVG Saarbrücken

Fack Ju Caissa, könnte man sagen, in Anlehnung an Fack Ju Göhte. Aber hier wie dort entstand aus dem Chaos Großartiges. Hier der Bericht von Helge Rückert:

Nervenzerreißend, dramatisch, sensationell! SC Turm Illingen schlägt den Favoriten SVG Saarbrücken

Was sich in der zweiten Runde der Oberliga Südwest zwischen dem SC Turm Illingen und dem Favoriten SVG Saarbrücken abspielte, war ein Schachkrimi, wie man ihn nicht alle Tage erlebt. Und die Nerven waren bereits bis zum Zerreißen gespannt, bevor überhaupt die ersten Figuren gezogen werden konnten. Denn obwohl alle Spieler rechtzeitig am Spielort waren, konnte es zunächst nicht losgehen, da das Spiellokal verschlossen und der Wirt nirgends aufzutreiben war. Zunächst stand sogar im Raum, dass die Begegnung kampflos 0-8 verloren gegeben werden müsste, doch schließlich gelang es doch noch, einen Schlüssel aufzutreiben, sodass es mit Verspätung und einem Zeitmalus von einer halben Stunde für jeden Illinger Spieler losgehen konnte.

Beide Teams traten ersatzgeschwächt an: Illingen musste auf Spitzenbrett Frank Mayer verzichten, und obwohl auch der SVG Saarbrücken der ein oder andere Stammspieler fehlte, ging sie trotzdem als klarer Favorit an die Bretter, zumal die Illinger Spieler deutlich weniger Bedenkzeit zur Verfügung hatten. Doch die Illinger spielten schnell und gut, und schon bald sahen sich gleich an mehreren Brettern die Saarbrücker schwierigen Stellungen bei immer knapper werdender Bedenkzeit gegenüber. Doch der Reihe nach...

Recht früh einigten sich die beiden Ersatzspieler Andreas Hauer und Vincent Preiß an Brett 8 auf Remis, dem einige Zeit später eine weitere Punkteteilung an Brett 2 folgte, wo Johannes Schmidt erneut eine hervorragende Eröffnungsvorbereitung demonstrierte und eine so gute Mittelspielstellung erreichte, dass sein Gegner, der bärenstarke französische IM Christophe Philippe, einer der stärksten Spieler der ganzen Klasse, sich nicht traute, Johannes‘ Remisofferte abschlägig zu bescheiden. Die erste Führung erzielte dann Saarbrücken durch Denis Müller, da es beim letztjährigen Illinger Top-Scorer Boris Traub diese Saison noch nicht rund läuft. In einer leicht schlechteren Stellung konnte er sich nicht dazu durchringen, durch ein Qualitätsopfer den Schaden bei spielbarer Stellung zu begrenzen, sondern ließ, um das materielle Gleichgewicht zu bewahren, zwei gegnerische Bauern auf die 6. und 7. Reihe. Das konnte auf Dauer nicht gutgehen und folgerichtig musste Boris einige Züge später seinem Gegner zum Sieg gratulieren. Der Ausgleich für Illingen gelang durch Joachim Klein, der mit einer dominant geführten Partie gegen Christian Vogel erneut unter Beweis stellte, dass er nach vielen Jahren an den vorderen Oberliga-Brettern in dieser Saison an den hinteren Brettern nicht gewillt ist, viel Federlesens zu machen. Nicht lange danach musste der an das Illinger Spitzenbrett vorgerückte Tilman Giese nach einer guten, kreativen und spannenden Partie, in der er durchaus Chancen hatte, gegen seinen starken französischen Gegner FM Benjamin Le Corre die Waffen strecken. Erneute Führung für Saarbrücken:  3-2. Dennoch gab es im Illinger Lager noch berechtigte Hoffnung auf ein 4-4, von einem Sieg wagte zu diesem Zeitpunkt aber noch niemand zu träumen. Kommen wir zu den drei letzten noch laufenden Partien:

An Brett 4 spielte Turm-Präsident Thomas Biehler gegen den französischen FM Alain Spielmann, den er so stark unter Druck setzte, dass dieser schon früh seine Bedenkzeit aufgebraucht hatte und von Zug zu Zug mit dem 30-Sekunden-Bonus arbeiten musste. Thomas gelang es, einen Bauern zu erobern, und in ein Turmendspiel mit Mehrbauer zu gelangen, das sicher nicht immer gewonnen, für die verteidigende Seite aber sehr unangenehm  war, zumal bei permanent knapper Bedenkzeit. So war es letztlich nicht wirklich überraschend, dass Thomas für Illingen zum 3-3 erneut ausgleichen konnte. Was sich dann in den zwei letzten Partien ereignete, war an Dramatik kaum zu überbieten. Christoph Schumacher und Wolfgang Homuth spielten eine komplizierte Partie, bei der selbst nach der ersten Zeitkontrolle im 40. Zug noch die meisten Figuren auf dem Brett verblieben waren. Die Lage spitzte sich weiter zu, bis beide nur noch wenige Minuten auf der Uhr hatten. Christoph hatte eine starke Druckstellung, aber die Frage war, ob er zum vollen Punkt würde verwandeln können. Und dann waren auf beiden Uhren nicht mehr Minuten, sondern eher Sekunden. Um der Dramatik die Krone aufzusetzen, wurde die Partie schließlich gar nicht über die Stellung entschieden (die war am Ende etwa ausgeglichen), sondern dadurch, dass Christophs Gegner, offenbar in Unkenntnis der genauen Regeln (!), die Bedenkzeit überschritt. Tatsächlich: 4-3 für Illingen!

Jetzt sah es alles nach einem Unentschieden aus, denn Helge Rückert hatte nach gelungener Eröffnung und klarem Vorteil im Mittelspiel bei der Abwicklung ins Endspiel einen Zug übersehen, und nicht nur seinen Vorteil eingebüßt, sondern war, da er 2-3 Züge zu lange brauchte, sich auf die neue Lage einzustellen und stattdessen noch weiter nach nicht mehr vorhandenen Gewinnmöglichkeiten suchte, in einem schwierigen Läuferendspiel gelandet, das zunächst zwar theoretisch noch Remis ausgehen sollte, nach einigen Ungenauigkeiten seinem hart und ressourcenreich um den Sieg fightenden Gegner Stefan Busche, mit dem Helge in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten schon sehr häufig in vielen hart umkämpften Partien die Klingen gekreuzt hatte, mehrfach gewinnträchtige Optionen eröffnete. Doch nach sechseinhalb Stunden Spielzeit sah auch Stefan nicht mehr alles und ließ vermutlich den einen oder anderen Gewinn aus (Näheres wird erst nach einer genaueren Analyse unter Zuhilfenahme von Silizium-Monstern geklärt werden können). Schließlich gelang es Helge, mit einem taktischen Trick seine letzte Chance zu nutzen, einen wichtigen gegnerischen Bauern zu eliminieren und das Remis und den damit verbundenen Mannschaftserfolg zu sichern.

Die Sensation war perfekt! Illingen schlägt den hohen Favoriten aus der saarländischen  Hauptstadt mit 4,5-3,5 und hat zwei sehr wichtige und unerwartete Punkte im Kampf gegen den Abstieg erzielt. Auf dieser hervorragenden Mannschaftsleistung lässt sich aufbauen. Am 15. November steht allerdings beim Meisterschaftsanwärter in Koblenz die nächste kaum lösbare Aufgabe an. Aber wer weiß...

      

Die 4 vorderen Bretter; hinten links Tilman Giese                                                          Die 4 hinteren Bretter; vorne links Andreas Hauer; weitere Fotos links unter Bilder