Und so beginnt alles, wie es schon mal begonnen hat: Niederlage gegen Heimbach-Weis/Neuwied

Wer schreibt schon gern das Protokoll einer Mannschafts-Niederlage, bei der er zu allem Überfluss in seiner eigenen Partie völlig von der Rolle war? Die Antwort ist einfach: Boris! Ihn hat Schachgöttin Caissa fürwahr fürstlich versorgt. Er kann nicht nur herrlich gewinnen, sondern auch mit Würde verlieren. Entdeckt wurde Boris, darauf bin ich stolz, von mir, seinem damaligen Sportlehrer, in einem Nichtschwimmerbecken. Dort überredete ich den (damals) unsäglich wasserscheuen Knaben, 11 Jahre alt, zum Schachspielen. Und siehe da: Im Schach fühlte sich Boris gleich wie ein Fisch im Wasser! Bereits mit 18 Lenzen wurde er Landesmeister.

Hier der Bericht von Boris Traub

In der ersten Runde der Oberliga-Saison 2015/2016 gab es eine Neuauflage unserer Erstrundenbegegnung der Vorsaison mit Heimbach-Weis/Neuwied.

Wir hatten noch etwas gut zu machen, denn  voriges Jahr verloren wir den Kampf gegen den damaligen Rheinlandpfalzliga-Aufsteiger denkbar knapp mit 3,5:4,5.

Unsere besondere Motivation sah man schon an der im Vergleich zum Vorjahr gestiegenen organisatorischen Professionalität,  denn dieses Mal waren alle Illinger Spieler pünktlich am Spielort, sogar überpünktlich, so dass der Kampf stressfrei beginnen konnte.

Die Besetzung beider Mannschaften wich im Vergleich zum Vorjahr geringfügig ab. So mussten wir den beruflich bedingten Abgang von Mario Ziegler verkraften. Nachrücker in die erste Mannschaft ist Tilman Giese, das vorjährige Spitzenbrett von Turm II.

Bei  Heimbach-Weis/Neuwied kam an Brett 8 der Spitzenspieler und internationale Meister Alfred Kertesz nach längerer Auszeit wieder zum Einsatz, so dass gleich klar war, dass die Gastgeber den Kampf ernst nahmen. Schließlich landete Illingen in der Schlusstabelle der Vorsaison mit 9:9 Mannschaftspunkten und einem 6. Tabellenplatz noch vor Heimbach-Weis, das 8:10 Mannschaftspunkte und Tabellenplatz 8 hatte,  bei 10 Mannschaften.

Die Aufstellung von Heimbach-Weis kann sich sehen lassen:  zunächst die 3 Internationalen Meister Yuri  Boidman (Brett 2 gegen Tilman Giese),  Klaus-Jürgen Schulz (Brett 3 gegen Johannes Schmidt) und Alfred Kortesz  (Brett 8 gegen Helge Rückert), dann die beiden Fide-Meister Lukas Winterberg (Brett 1 gegen Frank Mayer) und Thomas Roos (Brett 4 gegen Christoph Schumacher). Titelträger bei Illingen: keine.

Zum Kampfverlauf im Einzelnen:

Die Begegnung begann mit weitgehend ausgeglichenen Stellungen, ohne dass eine der Mannschaften auf längere Zeit nennenswerte Vorteile zu verzeichnen hatte.

Joachim Klein fuhr dann in einer Französisch-Partie (Tarraschvariante mit f4) an Brett 7 gegen Peter Jahn nach taktisch verlaufenem, für die Zuschauer unübersichtlichem Kampf den ersten Punkt ein:  1:0 für Illingen.  Man war guter Dinge.

Auch nach dem Remis am Spitzenbrett in einer englischen Partie zwischen Frank Mayer und Lukas Winterberg war Illingen noch mit 1,5: 0,5 in Führung. Unsere Zuversicht hielt an.

Ungefähr zeitgleich mit dem Remis von Frank Mayer musste sich dann Tilman Giese an Brett 2 dem Deutschen Seniorenmeister und versierten Fernschachspieler Yuri Boidman geschlagen geben. Tilman konnte in einer Damengambit-slawischen Eröffnung mit Schwarz seinem renommierten Gegner lange Paroli bieten und den Kampf offen gestalten. Gegen Ende des Kampfes dann aber eine minimale Fehleinschätzung von Tilman, die Yuri geschickt zu einem Sieg ausnutzte. Stand 1,5:1,5.

Danach konnte Thomas Biehler an Brett 5 in einer englischen Partie gegen Jochen Schäfer (auch im Vorjahr spielten beide gegeneinander, trennten sich remis) mit einem Sieg auf Zeit wieder für Illingen vorlegen. Jochen hatte lange Zeit Vorteile.  Die Schlussstellung hielt man zunächst noch für klar besser für ihn, was nach Computer-Analyse aber nicht mehr so eindeutig war. Ein etwas glücklicher Punkt für Illingen und wieder die Führung: 2,5: 1,5.

Im Anschluss musste sich Johannes Schmidt nach über lange Zeit für ihn vorteilhaftem Partieverlauf in einer Sizilianisch-Scheveninger-Eröffnung gegen IM Klaus-Jürgen Schulz geschlagen geben. Klaus- Jürgen fand eine Variante, in der er seine Dame gegen zwei Figuren gab, genügend Kompensation erhielt und in Vorteil kam. Stand 2,5:2,5.

Dann kam das Malheur des Tages an Brett 6: Ich spielte gegen den nominell klar schlechter bewerteten Jugendlichen Tim Hendrick Ronge – vom Papier her eine klare Sache. Nach einer mir relativ unbekannten Eröffnung (Nimzoindisch mit Dc2, auch Botwinnik-Variante genannt) mit hohem Zeitverbrauch folgte mein ständiges Bemühen um Ausgleich, der sich erst im 40. Zug ergab. Nachdem ich noch im 34. Zug ein Remisangebot meines Gegners wegen unklarem Gesamtkampfverlauf abgelehnt hatte und zu Beginn meines  40. Zuges noch 47 Sekunden auf der Uhr hatte, ereignete sich hier das Gegenereignis zur Partie an Brett 5: Ich wurde vom Schiedsrichter plötzlich mit folgendem Zuruf geweckt: „Zeit! Zeit! Entschuldigung! Aber ZEEIITT!“ Dann kam mein Gegner Tim Ronge ans Brett und meinte, er sei nach seinem 40. Zug mit Weiß kurz aufgestanden und dachte, dass es kurz danach (nach dem 40. Zug von mir mit Schwarz) weiterginge. Nach diesem unglaublichen und seltenen Fauxpas (2 Zeitniederlagen bei 8 Partien, aber es war ja Saisonbeginn und man muss sich erst wieder an den Modus gewöhnen) stand es jetzt 3,5:2,5 für Heimbach-Weis. Vielleicht war meine Zeitniederlage ausgleichende Gerechtigkeit zum Zeitsieg von Thomas an Brett 5.

Im Anschluss ergab sich Helge Rückert dem alten Routinier Alfred Kortesz nach langer zäher Verteidigung in einer holländischen Partie. Stand nun: 4,5:2,5 für Heimbach-Weis, der Kampf war entschieden.

Fürs Gesamtresultat nur noch Kosmetik war das hoch verdiente Remis von Christoph Schumacher gegen IM Thomas Roos an Brett 4 in einer Grünfeldindischen Partie. Christoph hatte mit Schwarz immer gut mitgespielt und sogar optische Vorteile erlangt. Endstand 5:3 für Heimbach-Weis! Auf Illinger Seite war man trotz der Niederlage weitgehend mit dem Kampfverlauf wegen der an allen Brettern offen gestalteten Partien zufrieden.

Dennoch wird es wohl eine schwierige Saison werden, denn:

·         Es gibt nicht wie in der Vorsaison eine Mannschaft, die sich direkt schon mit dem Abstieg abgefunden hat (damals Mutterstadt).

·         Der nächste Gegner ist die SVG Saarbrücken, gegen die man in der Vorsaison noch gewann, zu einem Zeitpunkt allerdings, als Saarbrücken keine Aufstiegschancen mehr hatte und nicht mehr in Bestbesetzung antrat.  

          Jetzt aber hat Saarbrücken gewonnen und wird wohl hochmotiviert und in Bestbesetzung antreten.

·         Im Vorjahr gewann Illingen gegen den damaligen Tabellenzweiten in Heidesheim. So ein Kunststück hat wohl Ausnahmecharakter und ist nur schwer wiederholbar.

Trotz allem hofft man auf Illinger Seite, auch in der laufenden Saison für Überraschungen gut zu sein und in der Schlusstabelle die eine oder andere Mannschaft hinter sich zu lassen, so wie in der letzten Saison.

     

Boris Traub (links) gegen Tim Hendrick Ronge                                                                   Drei, die 2,5 Punkte holten und deshalb gut drauf sind

Weitere Fotos links unter Bilder, Neuwied 2015